Berlin, 26. Juni 2026 Die aktuellen Preisspitzen am Strommarkt zeigen Defizite bei der Flexibilisierung des Stromsystems auf. Tagsüber werden Solarstromanlagen abgeregelt, abends fehlt dieser Strom und teure konventionelle Kraftwerke müssen einspringen. Der Grund: Es sind zu wenig Speicher und weitere Flexibilitäten vorhanden. Die Folge sind hohe Kosten in den Abendstunden. Seit dem 18. Juni wurden 39 Viertelstunden mit Börsenpreisen von über 300 €/MWh registriert, der Höchstwert lag bei 747 €/MWh. Diese Marktergebnisse in den Abendstunden zeigen damit vor allem eines: Deutschland braucht mehr Flexibilität durch Speicher und intelligente Verbraucher, damit aus kurzfristigen Angebotsengpässen keine extremen Preisspitzen entstehen.
Um Preisspitzen während der Hitzeflaute zu vermeiden, sind aus Sicht des bne kurzfristig folgende sieben Maßnahmen erforderlich:
1. Großspeicher schneller ans Netz bringen
Batteriespeicher können Preisspitzen innerhalb von Sekunden dämpfen. Sehr viele Unternehmen wollen Speicher bauen und die Speicherhersteller könnten sofort liefern. Was fehlt sind Netzanschlusszusagen der Verteilnetzbetreiber. Netzanschlüsse und Genehmigungen müssen deutlich beschleunigt werden, damit die bereits geplanten Speicherkapazitäten schnell verfügbar werden.
2. Heimspeicher in den Markt integrieren
Mehr als 20 GWh private Batteriespeicher können und müssen, systematisch in Markt- und Netzprozesse eingebunden werden. Dazu sind in erster Linie geeignete regulatorische Rahmenbedingungen erforderlich, etwa eine schnelle Umsetzung der MISPEL Verordnung. Fehlanreize müssen abgebaut und die Digitalisierungsstrategie auf Geschwindigkeit und Kundennutzen ausgerichtet werden.
3. Intelligentes Laden zum Standard machen.
Rund 100 GWh Speicher rollen auf deutschen Straßen und jeden Tag werden es mehr. Die Fahrzeuge könnten tagsüber Strom einspeichern und Abends teilweise ins Netz ausspeichern. Dieses enorme Potenzial muss erschlossen werden durch intelligentes Laden. Das benötigt Smart-Meter sowie Prozesskompetenz in der Datenverarbeitung der Verteilnetzbetreiber. Perspektivisch sollte bidirektionales Laden zum Standard werden, es würde massiv helfen, um Preisspitzen zu dämpfen.
4. Smart-Meter-Rollout endlich beschleunigen
Ohne intelligente Messsysteme bleibt Flexibilität weitgehend ungenutzt. Smart Meter sind die Voraussetzung dafür, dass Speicher, Wärmepumpen, Wallboxen und andere steuerbare Verbraucher automatisch auf Preissignale reagieren können. Der Smart-Meter-Rollout muss deshalb konsequent auf Geschwindigkeit, Vereinfachung, Standardisierung und Massentauglichkeit ausgerichtet werden.
5. Netze digitalisieren
Neben dem bekannten Smart-Meter Rollout braucht es vor allem eine umfassende Digitalisierung der Netze selbst. Nur so kann der Netzzustand flächendeckend online in Echtzeit überwacht werden. Ein solches digitalisiertes Netz ist die Grundvoraussetzung für eine fortgeschrittene Flexibilisierung. Millionen dezentraler Speicher und Erzeugungsanlagen müssen intelligent mit der Netzauslastung koordiniert werden.
6. Dynamische Netzentgelte flächendeckend einführen
Die aktuell laufende Netzentgeltreform (AgNes-Prozess) muss zu schneller dynamisierten Entgelten führen, so dass die Netznutzer auf den aktuellen Netzzustand reagieren können. Es braucht ambitionierte und sanktionsbasierte Zielvorgaben für Netzbetreiber, die dynamischen Netzentgelte in der Praxis endlich nutzbar zu machen*. Fast kein Netzbetreiber kann das aktuell – trotz bestehender gesetzlicher Vorgaben und Fristen.
7. Dynamische Stromtarife flächendeckend verfügbar machen
Preissignale wirken nur, wenn sie auch bei den Verbrauchern ankommen. Dynamische Stromtarife müssen deshalb von allen Lieferanten einfach, transparent und zuverlässig angeboten werden können. Dann werden Verbraucher belohnt, wenn sie ihren Stromverbrauch in Zeiten niedriger Preise verlagern, wodurch Preisspitzen reduziert und das Stromsystem insgesamt entlastet wird.
Fazit:
Die aktuellen Preisspitzen zeigen keinen Mangel an Strom, sondern einen Mangel an Flexibilität. Mit einem beschleunigten Ausbau von Speichern, Digitalisierung, intelligenten Tarifen und flexiblen Marktprozessen lassen sich solche Preisspitzen deutlich reduzieren – und gleichzeitig die Kosten für Verbraucher senken.
Anmerkung: Die Parallelen zu unserer früheren Pressemitteilung „Pfingsten sind Negativstrompreise zu erwarten. Diese sieben Gegenmaßnahmen muss die Regierung jetzt umsetzen“ sind keineswegs zufällig, da die Problemstellung vergleichbar ist. Sie haben seitdem offenbar an Dringlichkeit gewonnen: Sowohl negative Strompreise als auch extreme Preisspitzen sind Ausdruck der anhaltenden Netzkrise durch dieselben strukturellen Flexibilitätsdefizite im Stromsystem.
* Modul 3 des § 14a EnWG, eingeführt am 1. April 2025, verpflichtet Netzbetreiber, zeitvariable Netzentgelte für steuerbare Verbrauchseinrichtungen (Wärmepumpen, Wallboxen, Batteriespeicher über 4,2 kW) anzubieten. In der Praxis ist diese bei fast keinem Netzbetreiber nutzbar. Netzbetreiber kommen in großem Umfang hier ihren Pflichten nicht nach.

