Der derzeit größte Batteriespeicher Deutschlands ist seit Juni 2025 offiziell am Netz. Die Anlage in Bollingstedt (Schleswig-Holstein) speichert nach Angaben der Betreiber Produktionsüberschüsse aus Wind- und Solarenergie und speist den erneuerbaren Strom zu Spitzenlastzeiten in das Netz ein. Es ist ein Projekt von ECO STOR im Verteilnetz der Schleswig-Holstein Netz GmbH (SH Netz). Innovativer Clou des Projektes ist ein sogenannter digitaler Zwilling. Hier erklärt Nadine Bethge, Leiterin Neue Energiesysteme beim Bundesverband Neue Energiewirtschaft e.V., was an dem Projekt besonders ist, welchen wirtschaftlichen Nutzen es hat und welches Potenzial in der Technologie steckt.
Beim Projekt in Bollingstedt kommt ein sogenannter digitaler Zwilling zum Einsatz – was genau ist das?
Der digitale Zwilling kombiniert Wetter- und Erzeugungsdaten von Wind und Solar mit historischen Lastwerten und kann so die Netzbelastung realistisch vorhersagen.
Er bildet reale Systeme virtuell ab und wird laufend mit aktuellen Daten versorgt, um Simulationen, Prognosen und optimierte Entscheidungen zu ermöglichen. Es ist also ein virtuelles Abbild eines realen Energiesystems – in diesem Fall eines konkreten Netzknotens in Bollingstedt, an dem die erneuerbare Erzeugung und ein Batteriespeicher zusammenkommen.
Welche Vorteile bietet ein digitaler Zwilling?
Der große Vorteil liegt darin, dass wir das Energiesystem besser verstehen und gezielter steuern können. Ein digitaler Zwilling ermöglicht es, verschiedene Szenarien durchzuspielen, ohne in die reale Energieinfrastruktur, also das Stromnetz und das tatsächliche Speicherverhalten, eingreifen zu müssen. In Bollingstedt betreibt der Projektierer ECO STOR den digitalen Zwilling und gewinnt mit ihm Daten zur bestmöglichen Einsatzweise, was Vermarktung und Netzbetreibervorteil betrifft.
Damit lässt sich im Voraus bestimmen, wie viel eingespeist werden kann, ohne dadurch Engpässe zu verursachen. Bei hoher Einspeisung durch Erneuerbare reduziert der Speicher automatisch seine Entladeleistung.
Was sind noch Vorteile? Die SH Netz kann etwaige Lastspitzen reduzieren, während ECO STOR den Einsatz seines Speichers optimieren kann. Das spart Kosten, weil Netze effizienter genutzt werden. Es erleichtert die Integration erneuerbarer Energien, weil wir ihre schwankende Einspeisung besser ausgleichen können. Das ist ein Win-Win für beide Akteure und für das gesamte Energiesystem.
Wie funktioniert ein digitaler Zwilling im laufenden Betrieb?
Ein digitaler Zwilling bildet das reale Energiesystem kontinuierlich in einem digitalen Modell ab. Dazu werden laufend aktuelle Prognosen von Erneuerbare-Einspeisungen in ein Netzmodell eingearbeitet.
Auf dieser Basis kann der aktuelle Zustand des Systems in Echtzeit nachvollzogen werden. Zusätzlich lassen sich gezielt Simulationen durchführen, um zu analysieren, wie sich bestimmte Eingriffe oder Situationen auswirken – etwa der Einsatz eines Speichers oder Lastverschiebungen.
Der digitale Zwilling ist damit vor allem ein Werkzeug, um den Netzbetrieb transparenter zu machen und operative Entscheidungen besser abzusichern.
Welchen wirtschaftlichen Vorteil bietet der digitale Zwilling für ECO STOR und für SH Netz?
Der zentrale wirtschaftliche Vorteil liegt darin, dass vorhandene Energieinfrastruktur besser genutzt wird und dadurch Kosten vermieden werden.
Für den Netzbetreiber bedeutet das: Engpässe können frühzeitig erkannt und gezielt gemanagt werden. Der Bedarf an Netzausbau kann reduziert werden und würde somit langfristig die Systemkosten senken. Gleichzeitig kann SH Netz die Energieplanung optimieren, Lastspitzen reduzieren und den Ausbau nachhaltiger Technologien gezielt steuern.
Für ECO STOR besteht der Vorteil darin, dass der Einsatz des Speichers optimiert werden kann. Der digitale Zwilling zeigt, wann es systemdienlich und wirtschaftlich sinnvoll ist, Strom zu speichern oder einzuspeisen.
Lässt sich das Konzept des digitalen Zwillings übertragen? Und ist er auch in anderen Anwendungsfällen hilfreich?
Ja, absolut. Das Konzept ist grundsätzlich auf alle Ebenen des Energiesystems übertragbar – vom einzelnen Netzgebiet bis hin zu ganzen Regionen. Digitale Zwillinge können nicht nur im Netzbetrieb eingesetzt werden, sondern auch bei der Planung neuer Anlagen, beim Einsatz von Flexibilitäten oder beim Aufbau lokaler Energiemärkte. Langfristig sind sie ein zentraler Baustein für ein intelligentes, digital gesteuertes Energiesystem.
Wäre es dann nicht sinnvoll, für das gesamte deutsche Stromnetz einen digitalen Zwilling vorzulegen?
Ein vollständig integrierter digitaler Zwilling des gesamten deutschen Stromsystems ist eher eine langfristige Vision als ein kurzfristiges Ziel. Technisch wäre das möglich, aber es setzt voraus, dass Daten flächendeckend verfügbar sind und Systeme wie auch Prozesse standardisiert zusammenarbeiten. Wahrscheinlicher ist ein schrittweiser Ansatz: Viele miteinander vernetzte digitale Zwillinge auf regionaler Ebene.
Es gibt aber auch Risiken. Vor allem Datensicherheit und Systemstabilität spielen eine entscheidende Rolle. Die Risiken lassen sich jedoch durch geeignete Architektur und klare Regeln beherrschen. Entscheidend ist, dass wir die Digitalisierung so gestalten, dass sie das System robuster macht – nicht anfälliger.
Ich möchte mehr über das Projekt und den digitalen Zwilling in Bollingstedt erfahren. Wie komme ich an mehr Informationen?
Wer mehr erfahren möchte, kann am bne-Webinar im Rahmen von The smarter E 2026 teilnehmen: „Energieplanung neu gedacht: Digitaler Zwilling am Beispiel Bollingstedt“. Es findet am 21. April 2026 von 11:00 bis 12:15 Uhr statt und gibt einen praxisnahen Einblick in das Projekt.


