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Mit dem Marktentwicklungsmodell zum modernen Markt für neue Energien

Ein Gastbeitrag von Björn Spiegel, ARGE Netz

Erneuerbare Energien müssen sich schrittweise dem Markt stellen. Das Marktentwicklungsmodell ermöglicht einen fließenden Wechsel zwischen EEG-Vergütung und Direktvermarktung und damit den Übergang zwischen Fördersystem und echter direkter Vermarktung.

Erneuerbare Energien kommen jetzt im Markt an. Sie sind damit in der Pflicht, Verantwortung für Versorgungssicherheit und Vermarktung zu übernehmen. Notwendig werden Vermarktungsoptionen für Bestands- wie für Neuanlagen, die unabhängig von einem Zahlungsanspruch nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) den Marktzugang gewährleisten. Das Marktentwicklungsmodell (MEM) ermöglicht einen fließenden Wechsel zwischen EEG-Vergütung und Direktvermarktung an einen Industriekunden und damit den Übergang zwischen Fördersystem und echter direkter Vermarktung. Dazu wird innerhalb des EEG eine weitere Form der sonstigen Direktvermarktung eingerichtet. Die Vermarktung des grünen Stroms in einem eigenen Bilanzkreis stellt die Gleichzeitigkeit von Erzeugung und Verbrauch sicher. Zudem ist das Modell für das EEG-Konto und die übrigen Letztverbraucher kostenneutral. Es besteht sogar die Möglichkeit, das EEG-Konto zu entlasten.

Wie funktioniert das Marktentwicklungsmodell?

Nach dem aktuellen EEG erhält der Anlagenbetreiber einen anzulegenden Wert, der sich aus dem Monatsmarktwert des erneuerbaren Stroms und der Marktprämie zusammensetzt. Je höher der Marktwert, desto geringer die Marktprämie.

Das Marktentwicklungsmodell hingegen sieht vor, dass der Kunde an die EEG-Anlage bzw. den Lieferanten dessen individuell anzulegenden Wert zahlt, z.B. 8 Cent je Kilowattstunde (ct/kWh). Im Gegenzug sind die entsprechenden Strommengen teilweise von der EEG-Umlage befreit – und zwar in Höhe des jeweiligen gesetzlichen Anspruchs auf die Marktprämie, z.B. 5 ct/kWh. Die Differenz zwischen der Marktprämie und der geltenden EEG-Umlage von 6,88 ct/kWh wird auf das EEG-Konto eingezahlt, im aktuellen Beispiel sind dies 1,88 ct/kWh.

Das Marktentwicklungsmodell ist quasi ein Direktliefervertrag mit Belieferung der grünen Eigenschaft im Rahmen des EEG. Im Ergebnis verdient der Anlagenbetreiber nicht mehr und nicht weniger, und das EEG-System wird ebenfalls nicht belastet. Dennoch kann der Anlagenbetreiber erneuerbaren Strom direkt an ein Unternehmen veräußern – und wird damit zum Energieversorger. Das belieferte Unternehmen kann die grüne Eigenschaft des Stroms nutzen.

Marktentwicklungsmodell ist mindestens kostenneutral

Für die übrigen Letztverbraucher entstehen bei Einführung des MEM keine Mehrbelastungen, da der Verbraucher in diesem Modell von der EEG-Umlage nur in der Höhe befreit wird, in der das EEG-Konto durch Herausnahme der Fördersumme entlastet wird. Das MEM hat keine Auswirkungen auf den Energy-Only-Markt (EOM), da sowohl Angebot als auch Nachfrage aus dem EOM in das Marktentwicklungsmodell wechseln.

Das MEM ermöglicht den Kunden, sortenreinen grünen Strom zu beziehen. Hierdurch können sie ihre eigene CO2-Bilanz verbessern oder den Strom zur Weiterverwendung in anderen Sektoren nutzen, z.B. auch für Power-to-X-Anwendungen. Die steigende Nachfrage nach grünem Strom bietet auch eine Vermarktungsmöglichkeit für Anlagen, die bald keine Förderung mehr erhalten und setzt Investitionsanreize für neue Erzeugungsanlagen. Durch das Lastmanagement, das Erzeuger und Verbraucher vereint, können Strombedarf und -angebot zudem in Einklang gebracht werden, sodass neue Flexibilitätspotentiale erschlossen werden, die vorher dem jeweils anderen Partner unbekannt waren. Es entstehen lokale Synergieeffekte bei der Synchronisierung von Erzeugung und Verbrauch.

Marktorientierter Übergang innerhalb des EEGs

Das MEM zeigt ganz bewusst einen einfachen gesetzgeberischen Weg auf, wie eine innovative Form der Erneuerbaren-Vermarktung und die Nutzung der „grünen“ Eigenschaft in anderen Sektoren ermöglicht werden kann. Durch die Neufassung eines § 79b EEG und die Ergänzung in § 21a EEG würde das MEM erstmalig als besondere Form der „sonstigen Direktvermarktung“ eingeführt. Dabei orientieren sich die technischen Kriterien an den Anforderungen, die auch bei der Direktvermarktung gestellt werden. Zudem wird festgehalten, dass keine Zahlungen aus dem EEG-Konto in Anspruch genommen werden dürfen. Wesentliches Element der Kriterien ist die sortenreine Bilanzierung in einer viertelstündlichen Auflösung. Der grüne Strom wird insofern bilanziell vermarktet. Hierüber soll gewährleistet werden, dass der Energieverbrauch des Letztverbrauchers jederzeit durch eine erneuerbare Produktion des Anlagenbetreibers gedeckt ist. Durch weitere vereinzelte Einfügungen im EEG erfolgt eine Abgrenzung der Grünstromnachweise, die im Rahmen des MEM erbracht werden, zu den Herkunftsnachweisen nach § 79 EEG. Dadurch soll sichergestellt werden, dass für das MEM nicht die Möglichkeit besteht, durch die zusätzliche Ausstellung von herkömmlichen Herkunftsnachweisen Zusatzerlöse zu erzielen.

Schnelle politische Umsetzung notwendig

Industrie und Erneuerbare müssen jetzt zusammenwachsen und die nächste Phase der Energiewende gemeinsam vorantreiben. Erneuerbare Energieerzeuger müssen hierzu Direktlieferverträge mit Industrieunternehmen abschließen können. Nur so können die großen Potentiale für Klimainnovationen gehoben werden.

Damit die Sektorenkopplung und die verstärkte Einbindung Erneuerbarer – insbesondere in der Industrie – zum Wachstumstreiber werden können, bedarf es einer zügigen Umsetzung des notwendigen Rechtsrahmens auf Bundesebene. Schon der Koalitionsvertrag hat angekündigt, die stärkere Marktorientierung der erneuerbaren Energien durch intelligente Vermarktungskonzepte zu fördern. Das Marktentwicklungsmodell bietet hierfür die Blaupause.

Ein Gastbeitrag von:

Björn Spiegel

Leiter Strategie und Politik der ARGE Netz

Mehr Informationen zum Unternehmen unter: www.arge-netz.de

Der Text ist im November 2018 in der bne-Publikation Kompass 02/2018 erschienen.

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